Frauenhaus Wächtersbach

Anfang der 90er-Jahre entstand die Initiative, ein zweites Frauenhaus im Main-Kinzig-Kreis zu eröffnen. Die Idee kam von den Kolleginnen im Frauenhaus Hanau, das zu dieser Zeit meist überbelegt war. Auch im Ostkreis lebten viele Frauen mit ihren Kindern, die Schutz, Zuflucht und Beratung suchten.

Die Idee traf auf ein offenes Ohr bei dem damaligen Sozialdezernenten und heutigen Landrat Erich Pipa. Er setzte sich intensiv in den politischen Gremien des Main-Kinzig-Kreises und der Kommunen für eine Finanzierungsgrundlage ein. Ein geeignetes Haus fand sich in Wächtersbach. Mit Herrn Bürgermeister Krätschmer fand Herr Pipa einen Verbündeten. Der Main-Kinzig-Kreis übernahm einen großen Teil des Kaufpreises für das Haus. Die Stadt Wächtersbach beteiligte sich mit einem hohen finanziellen Beitrag an der Finanzierung. Die Kommunen Biebergemünd, Brachtal, Flörsbachtal, Jossgrund, Schlüchtern und Sinntal unterstützten den Kauf mit unterschiedllich hohen Zuwendungen.

Die erste Mitarbeiterin nahm im Januar 1992 ihre Arbeit im Frauenhaus Wächtersbach auf. In der ersten Phase wurden die finanziellen Grundlagen geschaffen: Entsprechende Anträge wurden beim Land, beim Kreis und den Kommunen gestellt. Das Land Hessen übernahm 90% der Renovierungs- und der Personalkosten. Durch die Zuweisung eines Bußgeldes von 40.000,- DM konnten notwendige Einrichtungsgegenstände angeschafft werden.

Im Sommer 1992 kamen drei weitere Mitarbeiterinnen dazu. Seitdem teilen sich vier hauptamtliche Mitarbeiterinnen drei Personalstellen. Es gab viel zu tun: Umfangreiche Renovierungsarbeiten bestimmten den Alltag. Gleichzeitig entwickelte das Team ein Konzept für eine gemeinsame Arbeitsgrundlage, erstellte einen Jahreswirtschaftsplan, stellte Anträge für Anschaffungen, schaffte Mobiliar an. Zudem mussten Sponsoren gefunden werden. Gefühlt kamen auf vier Mitarbeiterinnen 100 Baustellen.

Trotz der noch anstehenden Renovierungsarbeiten zogen schon im August 1992 die ersten Frauen mit ihren Kindern ein. Tagtäglich kamen Anrufe von Frauen, die für sich und ihre Kinder eine sichere Zuflucht suchten. Im April1993 feierten wir die offizielle Eröffnung des fertig gestellten Frauenhauses im Bürgerhaus Wächtersbach. Es bietet gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern schon seit 20 Jahren Schutz und Zuflucht. 24 Plätze stehen zur Verfügung, die Adresse ist anonym.

Ein wichtiger Baustein des Projektes war und ist neben der pädagogischen Begleitung der Frauen und Kinder eine intensive Öffentlichkeitsarbeit. Ziel ist es, die Öffentlichkeit für das Thema „Gewalt gegen Frauen und Kinder und ihre Auswirkungen“ zu sensibilisieren, Betroffene über Hilfsangebote zu informieren und für Unterstützung zu werben. Eine wichtige Stütze waren und sind kommunale Frauenverbände und –vereine, die die Einrichtung mit Veranstaltungen fördern und die Mitarbeiterinnen zu Vorträgen und Diskussionen einladen.
Die Unterstützung im Frauenhaus half und hilft Frauen und Kindern nach oft jahrzehntelangen Gewalt-, Unterdrückungs- und Misshandlungserfahrungen, einen Weg in ein sicheres und selbstbestimmtes Leben zu finden.

Aber auch Misstrauen, Kritik und Argwohn begleitete unsere Arbeit. Sätze wie „Für was brauchen wir ein Frauenhaus?“; „Auf dem Land gibt es keine Gewalt!!“, „Es gibt auch kein Männerhaus“, oder „Frauen sind selbst schuld“ hörten wir häufig. Beharrlichkeit und ein großes Engagement im Kontakt zur Öffentlichkeit und zu politisch Verantwortlichen waren zum Erhalt des Frauenhauses und der weiteren Entwicklung von Unterstützungs-angeboten unerlässlich.

Nicht jede von Gewalt betroffene Frau suchte Schutz im Frauenhaus. Viele wünschten sich eine Beratung und suchten nach anderen Lösungsmöglichkeiten. So begannen wir, ein externes psycho-soziales Beratungsangebot aufzubauen. Aufgrund der Anonymität des Frauenhauses führten wir die Beratungen in Rathäusern oder anderen Beratungsstellen durch. Seit dem Jahr 2000 verfügen wir über eigene Räumlichkeiten für unsere externen Beratungsangebote.

Es war ein langer, oft auch beschwerlicher Weg, die Arbeit im Frauenhaus Wächtersbach trotz großer finanzieller Engpässe und einer drohenden Schließung aufrechtzuerhalten und stetig weiter auszubauen. Es gelang immer wieder durch finanzielle Unterstützung des Main-Kinzig- Kreises und Sponsoren die Arbeit fortzusetzen.

Heute blicken wir stolz auf das Erreichte zurück. Auf dem Gelände des Frauenhauses konnte im Jahre 2000 ein durch Spenden finanziertes Kinderspielhaus errichtet werden und wir verfügen über eine eigene Beratungsstelle für die externe und nachgehende Beratungsarbeit.
Nach existenziell schwierigen Zeiten freuen wir uns heute – 20 Jahre später – über eine solide finanzielle Grundlage durch die Unterstützung von politisch Verantwortlichen, Stiftungen und Sponsoren sowie Frauennetzwerken. Ein funktionierendes Vernetzungssystem mit der Polizei, den kommunalen Ämtern, anderen Beratungsstellen, Rechtsanwältinnen und vielen anderen Institutionen unterstützt das Team in seinen vielfältigen Aufgaben.

982 Frauen und über 1021 Kindern haben seit Bestehen im Frauenhaus Wächtersbach Schutz und Zuflucht gefunden, sich den Mitarbeiterinnen anvertraut und mit ihnen eine neue Lebensperspektive entwickelt.

Politisch Verantwortliche stehen der Arbeit im Frauenhaus positiv gegenüber und zeigen ihre Wertschätzung und Anerkennung. Der Main-Kinzig-Kreis unterstützt das Frauenhaus jährlich mit einem Zuschuss. 14 Kommunen beteiligen sich an der Finanzierung. Der Bauhof der Stadt Wächtersbach übernimmt Reparaturarbeiten und unterstützt bei handwerklichen Tätigkeiten. Wir sind sehr glücklich über diese Entwicklung. Wir wissen das Erreichte zu schätzen und bedanken uns bei allen Beteiligten ganz herzlich für ihre Unterstützung.

Für die Zukunft wünschen wir uns finanzielle Planungssicherheit und Menschen, denen es eine Herzensangelegenheit ist, gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern zu helfen.